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„In Vielfallt geeint“ – Türkischer Botschafter zu Gast in Pforzheim

Pforzheim. Völkerverständigung, religiöse Toleranz und wirtschaftliche Zusammenarbeit, dies waren die drei großen Überschriften, unter denen der Besuch des türkischen Botschafters, Hüseyin Avni Karslioglu, in Pforzheim stand.

Die deutsch-türkischen Beziehungen sind traditionell freundschaftlich, vielschichtig und belastbar. Sie werden nicht zuletzt durch die knapp 2,5 Millionen in Deutschland beheimateten Menschen mit türkischen Wurzeln geprägt. Für viele Deutsche wiederum ist die Türkei ein beliebtes Urlaubsland geworden. Die Türkei ist seit Jahrzehnten ein verlässlicher NATO- und Handelspartner der Bundesrepublik. Dennoch gibt es bei allen positiven Entwicklungen, die das Land in den letzten Jahren genommen hat, immer noch Punkte, bei denen insbesondere die CDU akuten Handlungsbedarf sieht. Vor allem die Religionsfreiheit liegt der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands dabei natürlich am Herzen. Obwohl die Republik Türkei qua Verfassung ein laizistischer Staat ist und die Religionsfreiheit garantiert, sehen sich die Angehörigen der christlichen und anderer religiöser Minderheiten zahlreichen Restriktionen ausgesetzt. So ist die Priesterausbildung im Land nicht möglich, ebenso schwierig bis unmöglich stellt sich der Grunderwerb und die Sanierung von Sakralbauten dar. Die CDU, allen voran der Vorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion, Volker Kauder, die sich weltweit für verfolgte Christen einsetzt, prangert diese Missstände an und arbeitet an ihrer Beseitigung. Gunther Krichbaum unterstützt dieses Ansinnen vorbehaltlos und hat auch deshalb ganz bewusst den interreligiösen Dialog auf die Agenda des Botschafterbesuchs in Pforzheim gesetzt. Neben der Religionsfreiheit sieht die Union aber auch noch in punkto Rechtsstaatlichkeit, Gleichstellung von Mann und Frau sowie im Umgang mit ethnischen Minderheiten Defizite. Die Abschaffung dieser werden bei den seit 2005 laufenden Beitrittsverhandlungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei genauestens geprüft und in den regelmäßigen Zwischenberichten der Kommission aufgelistet. Als Vorsitzender des Europaausschusses legt Gunther Krichbaum besonderes Augenmerk auf diese Berichte und bringt seine Bedenken regelmäßig in Gesprächen mit Repräsentanten der Türkei zur Sprache.
Bei allen Differenzen aber sieht Gunther Krichbaum die Beziehungen beider Länder als überaus positiv an. „Es liegt in Deutschlands ureigenstem Interesse, die aufstrebende und wirtschaftlich prosperierende Republik Türkei, eng an den sogenannten „Westen“ zu binden und sie bei den noch ausstehenden Reformen nach Kräften zu unterstützen“, so Krichbaum. Nicht zuletzt deshalb war es ihm ein großes Anliegen, den neuernannten Botschafter in seine Heimatstadt einzuladen. „Hüseyin Karsl?o?lu steht für eine weltoffene und tolerante Türkei, das hat er bei seinem Besuch mehr als deutlich unter Beweis gestellt“, berichtete Krichbaum nach einem ereignisreichen Tag mit dem Botschafter in Pforzheim.
Gleich nach ihrem Eintreffen im verregneten Pforzheim wurde die Delegation, zu der auch der Generalkonsul in Karlsruhe, Serhat Aksen, und der lange Jahre als Arzt in Deutschland tätige Vater des Botschafters zählten, im Neuen Rathaus von Oberbürgermeister Gert Hager willkommen geheißen. Im Beisein der Vorstände der deutsch-türkischen Vereinigungen sowie einer Delegation aus Pforzheims Partnerstadt Nev?ehir trug sich der Ehrengast in das „Goldene Buch“ der Stadt ein. Dabei verblüffte er die Anwesenden mit seinen Kaligrafie-Künsten, die seinen Eintrag wohl zu einem der schönsten in diesem Ehrenbuch machen.

Im Anschluss besuchte der Botschafter das „Familienfest“ der deutsch-türkischen Vereinigungen im Bürgerhaus Buckenberg-Haidach. Deutsch-Türkische Gesellschaft (DTG), Deutsch-Türkische Vereinigung (DTV), der Deutsch-Türkische Kulturverein und die alevitische Gemeinde waren zu seinen Ehren erstmals eine derart große Kooperation eingegangen. In seinem Grußwort dankte Gunther Krichbaum den beteiligten Vereinigungen für diese erfolgreiche Zusammenarbeit. Ferner rief er dazu auf, das in Deutschland vorherrschende „verzerrte“ Bild der Türkei zu revidieren. „Die Türkei hat in den letzten Jahren eine rasante wirtschaftliche und politische Entwicklung durchgemacht. Das Land gehört mit seiner Wirtschaftskraft längst in eine Reihe mit den sogenannten ‚BRICS-Staaten‘. Das macht sich auch politisch bemerkbar, die Türkei ist längst nicht mehr nur eine Regionalmacht, sondern ein ‚Global-Player‘“, so Krichbaum. In seiner zweisprachigen Rede forderte Botschafter Karslioglu mehr Verständigung zwischen Deutschen und Türken auf allen Ebenen. Nur so könnte der gegenseitige Respekt wachsen und Vorurteile abgebaut werden. Er unterstrich dabei, wie wichtig es für die in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln sei sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen und vor allem, die Deutsche Sprache zu erlernen, ohne jedoch dabei ihre eigene kulturelle Identität zu der auch das Türkische gehöre, aufzugeben. Dabei sollte man auf keiner Seite Angst vor einer bunten Mischung haben und erinnerte an das Motto der europäischen Union: „In Vielfalt geeint“.  Er sehe es jedenfalls als seine Hauptaufgabe an, das Miteinander beider Nationen und Völker sowohl auf Regierungs- als auch auf der zwischenmenschlichen Ebene zu fördern.
Dazu gehört auch ein harmonisches Zusammenleben der Religionen. Ganz bewusst hatten darum Gunther Krichbaum und Hüseyin Avni Karsl?o?lu jeweils den Besuch einer Moschee, einer Synagoge und einer Kirche ins Programm aufgenommen, um damit ein deutliches Signal nach außen zu setzen. In der Fatih-Moschee wurde die Delegation von den Vertretern der Türkisch – Islamische Union Pforzheim und Imam Harun Demirel begrüßt. Diese begleiteten den Botschafter im folgenden auch zu seinem Besuch in der Pforzheimer Synagoge, wo Ehrenvorstand Andrew Hillkowitz daran erinnerte, dass die Türkei während des Holocausts vielen Juden geholfen habe, indem sie ihnen mit türkischen Pässen die Ausreise ins sichere Ausland ermöglichte. Eine Tatsache die das Volk Israel bis heute nicht vergessen habe.
Bei dieser Gelegenheit erinnerte Karslioglu daran, dass Muslime, Juden und Christen letztendlich alle „Kinder Abrahams“ seien und sich auf das Verbindende zwischen den Religionen, statt auf das Trennende zu besinnen. Auch zur Schloßkirche wurde die Delegationen von den Vertretern der Fatih-Moschee begleitet, die freundschaftliche Kontakte zu allen Konfessionen in Pforzheim pflegen. Hier erfuhr der Botschafter von Pfarrerin Heike Reisner einiges über die Geschichte der ehemaligen Residenzstadt und zeigte sich sehr beeindruckt von der Grablege der Markgrafen von Baden und dem Grabstein für den sogenannten „Zigeuner-Fürsten“ dem man im Mittelalter aus Respekt ein christliches Begräbnis in der Schloßkirche gewährt hatte.
Den Abschluss des von Gunther Krichbaum initiierten Besuchs bildete die Besichtigung der Pforzheimer „Schmuckwelten“ und ein Empfang der Sparkasse Pforzheim Calw mit Vertretern der hiesigen Wirtschaft. Hier wurde der Ehrengast von Landrat Karl Röckinger und Sparkassendirektor Hans-Heiner Bouley begrüßt. In seinen Ausführungen verwies Krichbaum nochmals auf die enorme wirtschaftliche Dynamik in der Türkei, die sich in Deutschland positiv bemerkbar mache, da immer mehr türkische Unternehmen auch hierzulande investierten und Arbeitsplätze schufen. Darüber hinaus unterstrich der Bundestagsabgeordnete die Wichtigkeit der deutsch-türkischen Beziehungen. „Die Tatsache, dass Präsident Abdullah Gül einen seiner wichtigsten Berater zum Botschafter seines Landes in der Bundesrepublik gemacht hat, spricht Bände. Ich bin sehr froh, dass Hüseyin Avni Karsl?o?lu sein Land in Berlin vertritt und bin mir sicher, dass es zum Vorteil unser beider Länder sein wird.“ Der Botschafter warb bei dieser Gelegenheit für die Türkei als boomenden Wirtschaftsstandort, der gerade auch für die in Pforzheim und im Enzkreis ansässige Schmuck-, Uhren- und Präzisionsindustrie nicht nur einen großen Markt, sondern auch ein ideales Sprungbrett nach Vorderasien, Arabien und auch Nordafrika biete. Im Anschluss ließ man den Besuch in lockerer Runde ausklingen, bevor die Delegation nach Karlsruhe abfuhr.