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Gunther Krichbaum im PZ-Interview zum EU-Referendum in Großbritannien

Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib ihres Landes in der EU ab. Im Gespräch mit der Pforzheimer Zeitung warnte der Vorsitzende des Europaausschusses vor den möglichen Konsequenzen eines "Brexit".

PZ: Herr Krichbaum, in gut einer Woche stimmen die Briten über den EU-Verbleib ab. Wie geht‘s aus?
Gunther Krichbaum: Zunächst ist das eine Entscheidung der Briten selbst, ob sie in der EU bleiben möchten oder nicht. Aber die Vorteile einer Mitgliedschaft überwiegen die Nachteile deutlich. Deshalb glaube ich auch, dass die Briten eine weise Entscheidung treffen.

Sicher scheint derzeit nur eins zu sein: Es wird ein sehr knappes Rennen geben. Warum sind so viele Briten gegen die EU?
Die Briten hatten als Inselvolk und ehemalige Weltmacht immer ein besonderes Verhältnis zu Europa. Zwar wollte man den Zugang zum freien europäischen Binnenmarkt, aber es gab immer Zweifel, ob man dafür nicht zu viele lieb gewonnene Gewohnheiten aufgeben muss.

Sind die EU-Gegner alle verblendet?
Europa lebt davon, dass man auch immer wieder Überzeugungsarbeit leisten muss. Großbritannien profitiert enorm vom gemeinsamen Binnenmarkt. Würden die Briten aus der EU herausgehen, verlören sie diesen freien Zugang. Das heißt, alle Produkte, die sie in die Europäische Union hineinexportieren, müssten sie neu zertifizieren. Das kostet Geld, Wettbewerbsfähigkeit und am Ende auch Jobs. Deshalb sprechen britische Wirtschaftsinstitute davon, dass bei einem Brexit bis zu 500 000 Arbeitsplätze wegfallen könnten.

Was würde denn die EU verlieren?
Wir wollen Großbritannien in der EU halten. Das hat viele Gründe: Außenpolitische, verteidigungspolitische, sicherheitspolitische. Aber auch Gründe der wirtschaftlichen Stabilität. Großbritannien ist zwar nicht Mitglied der Eurozone, aber wir teilen viele gemeinsame Interessen. Außerdem sind die Briten ein starker Wirtschaftspartner für uns Deutsche. Es wäre schade, wenn das alles aufs Spiel gesetzt würde.

Wäre ein Austritt der Briten der Anfang vom Ende der EU?
Nein, das auf keinen Fall. Doch zunächst gehe ich davon aus, dass es nicht zum Austritt kommt. Übrigens läuft Premierminister David Cameron Gefahr, auch noch eine zweite Union zu verlieren. Wenn die Briten aus der EU austreten, werden die Schotten erneut ein Referendum über einen Austritt aus dem Königreich anstreben, um in der EU zu bleiben. Es wäre also wahrscheinlich, dass die Schotten sich aus dem Vereinigten Königreich lösen. Dann stünde England ziemlich alleine da.

In den vergangenen Monaten ist in der EU vieles nicht gut gelaufen, vor allem in der Flüchtlingskrise. Dazu sind EU-kritische Parteien in etlichen Ländern im Aufwind. Was muss sich in der EU ändern – unabhängig vom britischen Referendum?
Zunächst muss man festhalten, dads wir uns seit knapp zehn Jahren im Krisenmodus befinden. Das fing an mit der Finanzkrise, die wir aus den USA importiert haben und ging weiter mit dem von Russland angezettelten Krieg gegen die Ukraine. Und man mag Angela Merkel manches vorwerfen, aber den Bürgerkrieg in Syrien hat sie ganz bestimmt nicht angezettelt. Als Folge kommen aber die Flüchtlinge zu uns. Diese Krisen sind importiert. Will heißen: Europa ist nicht das Problem, sondern Europa muss die Lösung für all diese Probleme sein. Trotzdem gibt es natürlich Unsicherheiten. Deshalb flüchten sich viele Menschen in die Nationalstaaten, weil diese vermeintlich einen Schutz vor der Außenwelt bieten können. Das ist aber eine Illusion.

Aber Reformen braucht es doch trotzdem.
Reformen braucht es immer. Das ist unbequem, weil man sich verändern muss. Deutschland strebt dennoch EU-Reformen an. Wir müssen zum Beispiel unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern. In einer globalisierten Welt können wir unseren Wohlstand nur verteidigen, wenn wir als Europa auch wettbewerbsfähig sind.