Close

Serie im Pforzheimer Kurier: „Was mich bewegt“

Regelmäßig berichtet Gunther Krichbaum im Pforzheimer Kurier zu Themen aus der aktuellen politischen Debatte. Diese Woche geht es um den Europatag an den Schulen und die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU.

Nächsten Montag wird deutschlandweit der „Europatag an den Schulen“ begangen, an dem viele Prominente aus Politik und Wirtschaft mit Schülern über Europa sprechen werden. Oberbürgermeister Hager und ich haben bereits gestern die Ottersteinschule und die Schanzschule besucht.
In der Vergangenheit wurden uns Europa und die vielen Vorteile, die gerade die Exportnation Deutschland von der europäischen Einigung hatte, oft viel zu selbstverständlich. Der Wegfall von Grenzkontrollen und Geldumtausch in den Eurostaaten fällt gar nicht mehr auf. Selbst in Baden-Württemberg wird kaum noch wahrgenommen, dass die deutsche Wirtschaft seit dem Beitritt von 12 neuen EU-Mitgliedern aus Ost- und Südosteuropa ihre Exporte dorthin verdoppeln konnte. Daher war es uns sehr wichtig, gleich an zwei Schulen mit Real- und Hauptschülern über Europa zu diskutieren.
Denn leider konnte gerade in den letzten Tagen beobachtet werden, wie beim Thema Europa mit den Sorgen der Menschen gespielt wird. In allen Medien schürten Vertreter von Gewerkschaften die Ängste vor einem Massenansturm osteuropäischer Arbeitskräfte, weil am 1. Mai die bisherigen Beschränkungen bei der Beschäftigung von Arbeitnehmern aus 10 EU-Staaten aufgehoben wurden. Zu einem solchen Ansturm wird es ganz sicher nicht kommen, vielmehr gehen Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit von nur 140.000 Arbeitnehmern in diesem Jahr aus. Dies liegt vor allem daran, dass außer Deutschland und Österreich alle anderen EU-Staaten ihren Arbeitsmarkt für osteuropäische Arbeitnehmer bereits vor Jahren geöffnet haben. Fachkräfte, die in Westeuropa Arbeit gesucht haben, leben bereits seit Jahren in England oder Schweden und werden nun nicht nach Deutschland umziehen. Zudem steigen auch in Osteuropa der Lebensstandard und die Verdienstmöglichkeiten. In Westpolen beispielsweise herrscht Vollbeschäftigung. In einer solchen Situation sind weniger Menschen darauf angewiesen, fern von Heimat und Familie ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und gegen ein mögliches Lohndumping wurden in vielen Bereichen, z.B. bei der Pflege, der Gebäudereinigung und auf dem Bau, tarifliche Mindestlöhne vereinbart, so dass auch hier die Furcht vor massenhafter Billigkonkurrenz aus Osteuropa unbegründet ist.
 Europa ist daher keine Bedrohung, sondern bietet gerade für die junge Generation große Chancen. Dies gilt nicht nur für Gymnasiasten und spätere Studenten, sondern ganz klar auch für gut ausgebildete Facharbeiter, die zunehmend auch in unseren Nachbarstaaten beste Beschäftigungsmöglichkeiten haben. Dafür sind Fremdsprachenkenntnisse sehr hilfreich. Der Oberbürgermeister und ich haben daher gerade die Haupt- und Realschüler aufgefordert, alle Chancen zu ergreifen, die ihre Schulen im Fremdsprachenunterricht bieten.