Gunther Krichbaum - Bundestagsabgeordneter

Saarbrücker Zeitung - 22.01.2026

"Deutschland und Frankreich tragen eine historische Verantwortung"

Saarbücker Zeitung - 22.01.2026: Interview zum Tag der deutsch-französischen Freundschaft.

Das deutsch-französische Verhältnis schien zuletzt etwas abgekühlt. Gleichzeitig sind die Herausforderungen der Weltpolitik größer denn je. Im SZ-Interview sprechen der französische Europaminister, Benjamin Haddad, und der Staatsminister für Europa, Gunther Krichbaum, über die Lage und ob der deutsch-französische Motor wieder ins Laufen kommt.

Von Hélène Maillasson und Janek Böffe

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Seit September 2024 hat Deutschland Binnengrenzkontrollen wieder eingeführt – auch an der Grenze zum französischen Nachbarn. Darüber ärgern sich viele Pendler. Sind die Kontrollen aus deutscher Sicht wirksam und wie lange sollen sie noch durchgeführt werden?

KRICHBAUM Zunächst ist es mir wichtig, zu betonen, dass wir die Grenzen nie geschlossen haben, sondern wir kontrollieren sie. Der Blick auf die Zahlen gibt der Bundesregierung recht. Verglichen mit den Vorjahresmonaten ist die illegale Migration nach Deutschland um 60 Prozent zurückgegangen. Wir sind immer noch überzeugt von der Notwendigkeit und der Richtigkeit des Schengen-Systems. Dieses wird aber nur einzuhalten sein, wenn der Außengrenzschutz der EU funktioniert. Solange das nicht der Fall ist, werden wir diese temporären Binnengrenzkontrollen weiterführen.

HADDAD Die Migration ist ein Thema, das die Bürger in vielen Ländern der Europäischen Union beschäftigt. Deshalb brauchen wir auf europäischer Ebene insbesondere eine strenge Rückführungspolitik. Denn wenn wir den Bürgern nicht zeigen können, dass die Europäische Union wirksam gegen illegale Einwanderung vorgeht, werden sich die Menschen Nationalisten zuwenden, die ihnen vermeintlich „einfache” Lösungen versprechen – obwohl klar ist, dass diese nicht funktionieren können, da es für derart komplexe Probleme keine einfachen Antworten gibt.

In beiden Ländern lernen immer weniger Schüler die Sprache des Nachbars. Ist es ein Problem, wenn sich irgendwann Deutsche und Franzosen an der Grenze nur noch auf Englisch unterhalten können und was können wir dagegen machen?

KRICHBAUM Ich würde mir auch wünschen, dass mehr junge Menschen das Interesse daran haben, die Sprache des Nachbarn zu erlernen. Deutsch hat leider das Problem, dass es als schwere Sprache gesehen wird. Die jetzige Entwicklung birgt Gefahren. Wenn heute zu wenige Schüler die Sprache lernen, fehlen morgen die Studentinnen und Studenten in Germanistik und Romanistik und übermorgen fehlen dann die Lehrerinnen und Lehrer für Französisch und Deutsch. Es gibt tolle Projekte, zum Beispiel Schüler- und Sportaustausche. Wir haben auch mit dem Bürgerfonds, der Projekte zur Stärkung der deutsch-französischen Freundschaft fördert, eine gute Initiative. Und weil uns dieses Thema am Herzen liegt, haben wir trotz angespannter Haushaltslage fünf Millionen Euro pro Jahr für den Bürgerfonds bereitgestellt. Da passiert viel. Aber trotzdem müssen wir auch weiter dafür werben, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler Deutsch und Französisch lernen.

HADDAD Das Erlernen der Sprache spielt in der Tat eine wesentliche Rolle, da es auch zum Verständnis des Nachbarn beiträgt. Der Vertrag von Aachen hat zu diesem Zweck mehrere Programme ins Leben gerufen, wie beispielsweise den von Gunther erwähnten Bürgerfonds. Aber auch in diesem Bereich sind Fortschritte zu verzeichnen, beispielsweise durch die Umsetzung des Abkommens von Lauterbourg über die Berufsausbildung, das französischen Schülern vor und nach dem Abitur sowie deutschen Schülern die Möglichkeit bietet, ihre Ausbildung jenseits der Grenze zu absolvieren. Wir möchten auch unsere kulturelle Zusammenarbeit mit der Europäisierung von Arte verstärken.

Auch auf Spitzenebene schien das deutsch-französische Verhältnis in den vergangenen Jahren etwas abgekühlt. Nun hat man den Eindruck, dass zumindest Merz und Macron durchaus miteinander können. Aber genau jetzt steht in Frankreich der Wahlkampf bevor, ist damit die Luft für große deutsch-französische Projekte nicht schon wieder raus?

HADDAD Die Beziehung zwischen Präsident Macron und Bundeskanzler Merz basiert auf Freundschaft und tiefem gegenseitigen Respekt. Bundeskanzler Merz war bereits am Tag nach seinem Amtsantritt in Paris. Der deutsch-französische Ministerrat hat diese sichtbaren Verbindungen nur noch weiter gestärkt. Beide haben die gleiche Ambition für Europa. Das ermöglicht ihnen, wichtige Impulse zu allen Themen zu geben, die derzeit in der Europäischen Union eine große Rolle spielen. Darüber hinaus tragen Deutschland und Frankreich in der heutigen Welt, die von einer unsicheren internationalen Lage und dem Angriffskrieg Russlands geprägt ist, eine historische Verantwortung. In der Innenpolitik gewinnen anti-europäische Bewegungen in verschiedenen Ländern an Boden. Um diese Entwicklung zu verhindern, haben wir als Regierende die Pflicht, konkrete Verbesserungen für die Bürger herbeizuführen. Die Erwartungen der Bevölkerung sind besonders hoch in Bezug auf Kaufkraft, Wachstum und Sicherheit.

KRICHBAUM Zwischen Friedrich Merz und Emmanuel Macron stimmt die Chemie seit der ersten Minute. Emmanuel Macron ist ein überzeugter Europäer. Er hat Deutschland immer die Hand ausgestreckt. Es gab Zeiten, auch als die CDU/CSU an der Regierung war, zu denen nicht jeder Vorschlag von Macron das notwendige Echo aus Deutschland erhalten hat. Das muss man ganz selbstkritisch anmerken. Friedrich Merz ist ein Kanzler, der um die Wichtigkeit der deutsch-französischen Beziehung weiß. Frankreich ist für Deutschland der engste Partner in Europa. Friedrich Merz weiß das. Mit Blick auf die kommenden Wahlen in Frankreich ist ja völlig klar, dass es sich dabei um eine Entscheidung der französischen Bürgerinnen und Bürger handelt. Ich hoffe natürlich sehr, dass auch nach den Wahlen eine pro-europäische Politik in Frankreich gestaltet wird. Denn die konstruktive Zusammenarbeit mit Frankreich ist für Europa, für Deutschland, unerlässlich.

Auf internationaler Ebene jagt eine Krise die nächste. Nun will Trump Grönland kaufen und droht den Staaten mit Zöllen, die sich dem entgegenstellen. Wie sollen beide Länder reagieren?

HADDAD Unsere Position ist völlig klar und hat sich nicht geändert: Wir verteidigen die Souveränität der Staaten, insbesondere der europäischen Staaten. Es ist inakzeptabel, die Grenzen eines souveränen Staates, der Mitglied der Europäischen Union ist, infrage zu stellen. Deshalb haben wir die Europäische Kommission gebeten, die Palette der Instrumente zu prüfen, die uns zur Verfügung stehen und die als Reaktion auf Trumps Zollandrohungen in dieser Angelegenheit eingesetzt werden könnten – insbesondere Instrumente zum Schutz der Wirtschaft und des Handels. Als Zeichen der Solidarität werden wir außerdem am 6. Februar ein französisches Konsulat in Grönland eröffnen.

KRICHBAUM Völlig klar ist doch: Grönland steht nicht zum Verkauf. Das haben die Grönländer immer wieder deutlich gemacht – und über ihre Zukunft entscheiden allein die Grönländerinnen und Grönländer. Wir werden in den nächsten Tagen versuchen, die Situation zu deeskalieren, auch indem wir unsere Zugänge Richtung der amerikanischer Regierung und des Parlaments nutzen. Denn natürlich wäre es am wirksamsten, wenn Präsident Trump selbst einsähe, dass Strafzölle gegen Verbündete wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss sind. In aller Klarheit: Die Strafzölle sind aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar, sie sind unangebracht. Wenn unsere ausgestreckte Hand am Ende des Tages nicht hilft, kann es durchaus nötig sein, zu zeigen, über welche Instrumente die EU verfügt. Denn es geht hier um unsere europäischen Interessen – und die müssen wir wahren.

Beide Nationen rüsten deutlich auf, aber national. Ist das nicht auch eine vertane Chance für mehr europäische und deutsch-französische Projekte?

KRICHBAUM Gerade im Bereich der Rüstungspolitik haben wir im Unterschied zu anderen Industriezweigen bisher noch keine kohärente Beschaffungspolitik. Das heißt im Klartext, wir müssen uns bei bestimmten Projekten immer wieder zusammenraufen. Wir haben da unterschiedliche Traditionen. Wenn Frankreich ein Projekt entwickelt, dann soll es auch vermarktet und verkauft und Geld damit verdient werden. In Deutschland war das lange Zeit nicht der Fall. Wir vertreten gerade bei Rüstungsexporten eine traditionell zurückhaltende Position. Dabei haben wir in beiden Ländern sehr gute Rüstungsunternehmen. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass es Sinn macht, dass wir uns auf europäischer Ebene auch im Bereich der Rüstungsindustrie souveräner aufstellen.

HADDAD In der heutigen Zeit ist es von entscheidender Bedeutung, dass alle europäischen Länder ihre militärischen Kapazitäten ausbauen. Wir stehen am Ende einer Ära des Friedens. Die Welt wird gefährlicher, brutaler. Es stellen sich Fragen zur Zukunft des atlantischen Bündnisses. Es ist daher Aufgabe der Europäer, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wir verteidigen den Grundsatz der europäischen Präferenz. Das Geld der europäischen Steuerzahler muss zur Finanzierung der europäischen Industrie verwendet werden. Dies ist sowohl eine Frage des gesunden Menschenverstands angesichts der Auswirkungen auf unsere Industrie als auch eine Frage der Kontrolle des technologischen Wissens, der Verwendung und des Exports dieser Art von Material. Dazu gehören auch deutsch-französische Kooperationsprojekte, auch wenn diese komplex sind. Wenn man ehrgeizige Ziele verfolgt, muss man Ausdauer beweisen.